90 Jahre Glas nach Maß

90 Jahre Glas nach Maß

Die Geschichte der Firma Glas-Zitto GmbH

Die Firmengeschichte ist eng verbunden mit der Stadtgeschichte von Koblenz. Der Umzug der Verkaufsräume und der Neubau der Werkstatt nach dem Zweiten Weltkrieg zum Beispiel.

 

Stadtgeschichtliche Voraussetzungen

Schon lange vor der Firmengründung, nach 1794 machten die Franzosen in der Säkularisation mit der beginnenden Auflösung der Koblenzer Klöster eine spätere Nutzung der alten Klostergebäude in der Altstadt erst möglich.

Das wirtschaftliche Umfeld ist wichtig für die Struktur einer Region und konkret für die Entwicklungsmöglichkeiten von Handwerks- und Handelsbetrieben. In den Gründungsjahren warf ein Historiker einen Blick zurück auf die Rahmenbedingungen der Region. Im 19. Jahrhundert konnte die Stadt an Rhein und Mosel wirtschaftlich keinen überregionalen Einfluss aufbauen:

"Handel und Gewerbe sind in Koblenz von je ohne erhebliche Bedeutung gewesen. Gegen Köln und Mainz und deren Stapelrechte konnte die kleine Stadt nicht aufkommen trotz ihrer an sich günstigen Lage. Nur der Weinhandel hat sich hier früh entwickelt. Im Jahre 1814 war die Stadt noch ganz bedeutungslos." (Bär 1922, 216)

Die gebremste Industrialisierung Koblenz sicherte den Kultur- und Naturraum und bildete gerade auch deshalb in der Folge den Ausgangspunkt für den wachsenden Tourismus im Mittelrheintal.

„Viele hat es erfreut, daß [sic] die Schönheit der Lage der Stadt genießbar blieb, unbeeinflußt durch die mit einer Fabrikstadt verbundenen Häßlichkeiten." (Bär 1922, 217)

Somit hatte Koblenz zum einen seinen Reiz behalten, bot aber gleichzeitig Potential für gewerbliches Engagement.

 

Die Sache mit dem Gründungsdatum

Jüngste Nachforschungen bei Handwerkskammer und Berufsgenossenschaft ergaben, dass Hermann Josef Zitto sen. 1920 die erste selbständige Tätigkeit aufnimmt somit im Jahr 2010 stolz das 90. Firmenjubiläum gefeiert werden kann.

Das tatsächliche Firmenalter herauszufinden, war aber gar nicht so einfach. Unterschiedliche Dokumente weisen verschiedene Gründungsdaten aus. Die Handwerkskarte von Hermann sen. vermerkt bspw. 1930 als Gründungsdatum. In einem Arbeitsbuch von 1940 ist das Jahr 1929 zu lesen. Auch der Sohn Hermann Josef jun. (geb. 1912) konnte kein konkretes Datum mehr überliefern und so ist zu erklären, dass erst 1972 das 50. jährige Jubiläum gefeiert wurde. 

1920 gilt also wahrscheinlich als das Gründungsjahr der Firma. Die Tradition der Familie Zitto im Glaserhandwerk beginnt aber schon 30 Jahre früher. Im Jahr 1890 beginnt der Senior als 14 jähriger Bub seine Ausbildung zum Glasergesellen bei der Glaserei Supp in Koblenz. Bis 1920 arbeitet er als Angestellter, macht sich dann selbständig und setzt damit den Grundstein für eine Koblenzer Erfolgsgeschichte.

Durch die Wirren zweier Weltkriege sind aus den Anfangsjahren wenige Dokumente erhalten. Ein Lehrvertrag von 1929 beweist aber, dass schon früh eigener betrieblicher Nachwuchs herangezogen wird. Heute undenkbar - damals zahlen Eltern noch das sprichwörtliche „Lehrgeld“ für die Ausbildung ihrer Kinder an den Lehrherr. Zur gleichen Zeit lernt auch Hermann jun., erhält 1932 seinen Gesellen- und 1938 den Meisterbrief.

 

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Menschliche Opfer gibt es bei den alliierten Angriffen auf Koblenz am 6. November 1944 verhältnismäßig wenige. Zum Glück ist Koblenz während der Angriffe weitgehend evakuiert. Die Schäden an der Stadt sind aber verheerend. Über 80 Prozent der Bebauung in der Altstadt werden zerstört. Von den Hausnummern 7 und 9 in der Görresstraße bleiben nur die Keller erhalten. Die Nähe zum Moselhafen wird dem ganzen Viertel zum Verhängnis.

Nach dem Krieg ist der Bedarf an Glas und Glaserarbeiten groß. Überall werden die Trümmer weggeräumt, die Männer kehren aus der Kriegsgefangenschaft wieder heim, zerstörte Häuser werden repariert und neue gebaut.

Nach dem Tod des Vaters 1946 übernimmt Hermann jun. die Geschäfte und prägt bis 1987 das Glaserhandwerk in der Region. Er kauft das zerstörte Grundstück in der Görresstraße 7 hinzu und baut rasch einen provisorischen Flachbau für Werkstatt und Lager, Büro und Verkaufsräume. So vergrößert er erstmals die Betriebsfläche. Die Baulücke komplett zu schließen bleibt heute noch aufgrund geänderter Bauvorschriften eine ungelöste Aufgabe für die nächste Generation. Über den Betrieb hinaus engagiert Hermann jun. sich lange Jahre in der Glaserinnung und der Handwerkskammer, beispielsweise im Gesellen- und Meisterprüfungsausschuss.

In einem Vorzeigeprojekt der Nachkriegsjahre wird 1956/57 das Staatsarchiv Koblenz mit 419 Glasbaustein­wänden ausgestattet - ein Bau über den die ganze Region spricht.

 

Boomzeit der 1960er und 1970er Jahre

Die erwähnten Hässlichkeit der urbanen Industrie- und Trabantenstädte ereilen Koblenz spätestens in den 50er bis 70er Jahren des 20. Jahrhunderts. Auch hier werden einige Bausünden begangen. Zumindest aber führen Wiederaufbau und Wirtschaftsboom dem heimischen Handwerk und somit auch der Firma Glas-Zitto Aufträge und Wohlstand zu. Die beiden Jahrzehnte sind geprägt vom allgemeinen Wirtschaftsboom. Hermann jun. baut die Firma kontinuierlich aus, die Zahl der Mitarbeiter wächst und die bestehenden Räumlichkeiten werden allmählich zu eng. In der RheinZeitung wird im Dezember 1967 groß über Neu- und Umbauten im Herzen der Altstadt berichtet.

Im neuen Ladengeschäft in der Eltzerhofstraße 7 entstehen großzügige Beratungs- und Verkaufsflächen und ehemalige Bauten des Eltzerhofklosters werden zu großzügigen Lager- und Werkstattflächen umgebaut. Vom klösterlichen Charme der Architektur ist leider bis auf einen alten Fliesenboden im Keller nicht mehr viel zu entdecken. Die Zufahrt zum Parkplatz erfolgte damals noch über die Kornpfortstraße. Der Häuserdurchbruch und der Bau der Straße Am alten Hospital erfolgte erst viel später.

Damals wie heute wichtig - die Präsentation der Leistungen. Im Laden entstehen ein Spiegelstudio und Schauwände für alle lieferbaren Glassorten. Dekoration und Tapeten entsprechen dem Trend der Zeit, im Jahr 2010 schon fast wieder „in“.

Ehefrau Trudt ist jahrelang eine wichtige Stütze der Firma, ausgestattet mit Schreibmaschine, Journalkarton und mechanischen Rechenapparaten, organisiert sie den Büroablauf.

Im April 1962 beginnt Herbert Zitto (geb. 1947) die Ausbildung im Familienbetrieb. „Lehrjahre sind keine Herrenjahre“ heißt es damals noch. Der Weg ist aber vorbestimmt und so lernt er nicht nur das Handwerk, sondern auch die Betriebsführung. 1970 legt er die Meisterprüfung ab.

 

Die Zeit bis zur Jahrtausendwende

Im Jahr 1987 übernimmt Herbert Zitto offiziell die Geschäftsleitung und führte die Firma mit Ehefrau Evelyn. Hermann jun. bleibt dem Betrieb noch lange Jahre erhalten, aber die Zeiten ändern sich und der alte Handwerksmeister schüttelt den Kopf über Fax und Computer. Auch Damals schon ein Thema: Energie sparen. Das neue Zweischeiben-Isolierglas revolutioniert die Wärmedämmung und nach und nach werden alte Fenster nachgerüstet.

1994 kommt auch Mario Gras in die Firma und  bildet sich später zum Betriebswirt des Handwerks weiter. Ihm wird 2003 Prokura erteilt, sodass er von nun an ganz offiziell die Ausrichtung der Firma mitgestalten kann.

 

Die Firma heute

Seit den Gründungsjahren besteht eine feste Verbindung zwischen Familie, Handwerksleben und der Stadt Koblenz. Auch heute noch befindet sich der Firmensitz zentral in der Altstadt - entgegen dem Trend der letzten Jahrzehnte bleibt die Firma somit leicht erreichbar für seine Kunden und prägt das Bild der lebendigen Stadtkultur. Im Jahr 2010 feiert die Firma Glas-Zitto nun ihr 90. jähriges Bestehen - wer 90 Jahre alt wird, feiert nicht mehr mit Luftballons und Hüpfburg, sondern blickt mit Freude zurück auf die Vergangenheit und präsentiert stolz seine Urenkel. Auch die Firma Glas-Zitto verweist auf die vielen Kundenbeziehungen, die über die langen Jahre gewachsen sind und die tiefe Verwurzelung in der Altstadt.

Und auch die Urenkel feiern mit, denn als zweites „Großereignis“ dieses Jahr ist der Generationenzuwachs durch Herbert Zittos Sohn Daniel zu nennen. Nach seinem erfolgreichen Magisterabschluss an der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz unterstützt er nun den väterlichen Betrieb. Daniel Zitto entdeckt zuerst vor allem die Einbindung der Firma in ein gewachsenes Umfeld.

 „Nach beruflichen Erfahrungen in zwei Großkonzernen während des Studiums, freue ich mich über die sehr engen Kundenbeziehungen und die direkte Rückmeldung zu positiven (oder auch mal negativen) Leistungen. Ich empfinde es als eine schöne Herausforderung, mit unseren Mitarbeitern, Kunden und Partnern den Betrieb in die Zukunft zu begleiten. Tradition für mich eine Verpflichtung zu Qualität und Kontinuität - eine Last spüre ich aber nicht.“

Der Junior sieht sich nicht als Bewahrer alter Gewohnheiten, sondern bringt gezielt „neue“ Aspekte der Vermarktung von Produkten und Leistungen, beispielsweise über das Internet, ein und verweist auf die zunehmende Bedeutung von modernen Kommunikations- und Präsentationsformen in einem traditionsreichen Handwerksbetrieb. Auch die Akquisition findet heute zu einem wachsenden Teil online statt.

Senior Herbert Zitto freut sich über die Entscheidung seines Sohnes Daniel, sich in der Firma einzuarbeiten und die Tradition Glas-Zitto weiterzuführen.

„Die Einbringung seiner neuen Ideen im Kaufmännischen und im Bereich der Werbung sowie moderner Betriebsführung, in Verbindung mit der handwerklich-technischen Erfahrung von unseren Mitarbeitern und mir, wird unseren Betrieb nicht nur erhalten, sondern auch zukünftig ein gutes Stück nach vorne bringen.“

Prokurist Mario Gras ist bereits lange Jahre im Betrieb tätig, und schloss in dieser Zeit auch den Studiengang „Betriebswirt des Handwerks“ ab. Er ist verantwortlich für den Ablauf des kompletten Tagesgeschäftes. Daneben unterstützte er schon in der Vergangenheit Herbert Zitto bei allen strategischen Entscheidungen. Für ihn ist besonders wichtig, dass der enge Kundenkontakt, welcher über Jahre hin gewachsen ist, auch weiterhin gepflegt und ausgebaut wird.

„Für die Zukunft muss das Bestreben der Firma sein, alt bewährte Stärken gewohnt zu präsentieren, daneben aber auch neue strategische Geschäftsfelder zur erschließen, um dem Kunden ein noch breiteres Spektrum anbieten zu können. Ich bin froh, dass durch die Einbindung von Daniel Zitto neue Ideen zur Weiterentwicklung eingebracht werden, und das traditionsreiche Unternehmen auch in Zukunft in familiärer Hand bleibt.“

Die profunden Fachkenntnisse und langjährigen Erfahrungen der Mitarbeiter im breiten Feld der Glasbe- und Glasverarbeitung sind das große Pfund von Glas-Zitto, sie wollen in Zukunft alle Drei auch für die Entwicklung neuer Produkte und Leistungen nutzen. So werden der Glasmöbelbau und die Verarbeitung von Glasmaterialien im Innenausbau, beispielsweise als hochwertige Küchen- oder Badezimmerrückwandscheiben sowie Arbeitsplatten und Waschtische, Eckpunkte der mittelfristigen Unternehmensentwicklung. Daneben sind und bleiben die vielen Handelskunden eine wichtige Säule der Firmentätigkeit. Ob in der Raumgestaltung oder als moderner Bauwerkstoff im Außenbereich, Glas passt hervorragend zu Holz, Stein, Fliesen, Metall und Kunststoff. Schreiner, Metallbauer, Küchenstudios, Installateure und viele weitere Gewerke verarbeiten Glasprodukte und brauchen langfristige und vertrauenswürdige Lieferanten. Die Firma Glas-Zitto bietet ihren Kunden durch zuverlässige Lieferung die Möglichkeit, wiederum auch ihre Kundentermine planen und zuverlässig einhalten zu können und unterstützt sie in allen Fragen der Glasanwendung.

 

Quellen:

Bär, Max (1922): Aus der Geschichte der Stadt Koblenz. 1814 - 1914. Koblenz: Krabbensche Buchdruckerei.

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